Israel · Naher Osten

Tel Aviv: Sabbat, Streetart und Bauhaus

Tag 3: Heute ist der in Israel heilige Sabbat. Er dauert von Freitagabend bis zum Sonnenuntergang am Samstag. Und in dieser Zeit steht die Stadt fast still, zumindest konsum- und verkehrstechnisch. Als wir das Hotel verließen trauten wir unseren Augen kaum. Die Allenby, eine der größten Verkehrsadern der Stadt, war leer! Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht, der absolute Wahnsinn. Bei uns in Deutschland undenkbar. Nicht mal an einem Feiertag ist es dort so ruhig wie hier an einem Samstagvormittag.

Wir liefen über die Straße und bogen alsbald in eine der Querstraßen ein, die mir bereits in den vergangenen Tagen positiv auffiel: in die Nachalat Binyamin. Hier findet Dienstag und Freitag immer ein beliebter Straßen-Kunstmarkt statt mit allerlei Kunsthandwerk aus dem ganzen Land. Heute allerdings war hier absolut tote Hose. Mika und ich waren ganz allein unterwegs. Es gab aber auch so mehr als genug zu sehen.

Wir schlenderten kreuz und quer durch das kleine Viertel und passierten auch die Gassen, die sonst vom Carmel Market verschluckt werden. Menschenleer und ohne Stände bieten diese Straßen plötzliche eine ganz andere Sicht.

Obwohl die leeren Straßen fast schon gespenstisch erschienen, fühlte ich mich absolut sicher. Hatte ich doch meinen eigenen Ninja-Meister bei mir, der die Vorhut bildete. Schaut euch die wundervollen Häuser an, die das Viertel zu bieten hat. Ganz gleich, ob die Fassade renoviert oder noch heruntergekommen ist, der Charme ist in jedem Fall ersichtlich.

Aber auch die zahlreichen Graffiti’s lockten unsere Aufmerksamkeit. Mika machte sich einen Spaß daraus, mir zu diktieren, welche ich fotografieren soll und welche lieber nicht. Er hat doch ganz gut ausgewählt, oder? Ein paar Mika-Suchbilder sind auch dabei.

Am Ende der Nachalat Binyamin entzückten uns diese wunderschönen Bauhaus-Werke. Wusstet ihr, dass es in Tel Aviv circa 4000 Bauhaus-Gebäude gibt? Nach 1933 kamen zahlreiche deutschstämmige Juden nach Tel Aviv und unter ihnen auch einige Absolventen der Bauhaus-Schulen in Weimar und Dessau. Jene Architekten erhielten den Auftrag, die bis dahin noch relativ junge Stadt mit aufzubauen. Die dadurch entstandene „Weiße Stadt“ erlangte unter Kennern Weltruhm und gehört seit 2003 zum UNESCO Weltkulturerbe.

Natürlich wurden viele der Gebäude inzwischen restauriert und einige Fassaden wurden durch Ornamente verschönert, die nicht unbedingt dem schlichten und reinen Bauhausstil entsprechen, der auf jegliche Verzierungen und Schnörkel, wie z.B. beim Jugendstil, verzichtete. Es ging um eine zweckmäßige, funktionale und ökonomisch wirtschaftliche Bauweise. Um dem vorzubeugen wurden nunmehr etwa 1000 Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.

In Tel Aviv gibt es kein Bauhaus-Viertel im engeren Sinn. Die meisten Bauten findet man zwischen dem Dizengoff-Platz, dem Rothschild-Boulevard und der Allenby Street, also im eigentlichen Zentrum Tel Avivs und somit in der Nähe unseres Hotels. Hervorheben möchte ich noch den Magen David Square, der an jeder seiner Ecken Bauhaus-Werke zeigt, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Hier in der Nähe des Platzes ließen wir uns auch erstmal ein leckeres Eis schmecken.  In der Sonne war es schon ganz schön warm geworden. Von den Paparazzi nebenan ließen wir uns nicht stören.

Wir zogen weiter die Bialik Street entlang und bewunderten die hübschen Häuserfassaden in dieser Straße. Und manchmal auch die merkwürdigen Skulpturen, die auf den Balkonen platziert wurden. Die sind im Übrigen keine Seltenheit in Tel Aviv.

Am Bialik Square, der vom Beit Ha’Ir Museum (Heimatmuseum) dominiert wird, das im ehemaligen Rathaus untergebracht wurde, entspannten wir eine Weile am Brunnen und ließen unsere Blicke schweifen. Ein wirklich schöner Platz!

Danach spazierten wir zum benachbarten Meir Park, wo es einen wundervollen Park mit riesigem Spielplatz, einen Platz mit Sportgeräten und natürlich auch einen abgetrennten Bereich für Hunde gibt. Und siehe da! So leer wie es überall in den Straßen war, so voll ist es hier. Hier treiben sich die Städter heute also alle rum. Naja, oder am Strand.

Eine halbe Stunde später machte sich langsam ein bisschen Hunger bemerkbar und so lösten wir uns von dem schönen Park und steuerten am Bauhaus Center vorbei auf den Dizengoff Square zu. Der Platz wurde nach Zina Dizengoff benannt, der Frau des ersten Bürgermeisters von Tel Aviv. Alle Häuser am Platz wurden im typischen Bauhaus-Stil errichtet – weiß, schlicht und nicht sehr hoch. In den 1970er Jahren wurde der Platz umgestaltet. Die Fußgänger erhielten eine Ebene über der Straße, damit der Verkehr schneller fließen konnte. Diese Maßnahme zerstörte jedoch die Eleganz der Bauhaus-Architektur, so dass die Stadt beschloss den Platz wieder so herzustellen, wie er ursprünglich geplant wurde. 2018 wurden die Bauarbeiten beendet und seitdem ist der Dizengoff Platz wieder das Zentrum von Tel Aviv. Auch der Brunnen „Wasser und Feuer“, der vorübergehend umgesetzt wurde, steht wieder auf dem Platz. Allerdings nicht mehr so bunt wie früher, sondern passend zur Bauhaus-Szene schlicht und elegant. Viele Menschen hatten es sich heute dort auf mitgebrachten Decken und bereitgestellten bunten Stühlen bequem gemacht.

Nun, wenn wir schon mal hier in der Ecke sind, können wir auch noch das Museum of Art und den Habima Platz mitnehmen. Da wir auf diesem Weg unweigerlich am Dubnov Garden vorbeikamen, musste natürlich auch wieder ein kurzer Stop auf dem Spielplatz sein.

Direkt neben dem Park beginnt der riesige Komplex mit dem Kunstmuseum, dem Cameri Theater, einer öffentlichen Bibliothek, der Oper und dem städtischen Gerichtsgebäude. Kunstvoll geformt und mit diversen Installationen und Skulpturen bestückt macht der Platz ordentlich was her. Mika fand sogar ein königliches Assessoire, dass wir aber zurückließen, falls die Besitzerin es doch nochmal suchen sollte.

Der Platz war so gut wie leer und Mika konnte in aller Ruhe die Tauben verjagen. Ihr Glück, dass er mit dem neuen Schwert noch nicht so gut vertraut war. Das Museum of Art ist ein fantastischer Bau, aber auch das Theater und die Oper, die sich in einem Viereck um den Platz schlossen, beeindruckten nachhaltig durch ihre interessanten Fassaden.

Gegenüber konnte man das Azrieli Center erblicken. Ein Hinkommen war jedoch schwierig, da sich genau zwischen uns ein großer Krankenhauskomplex befand, den wir hätten umrunden müssen. Och nee. Da heute keine Busse fuhren und wir sowieso schon einen langen Rückweg hatten, kniffen wir uns das für heute.

Unser nächstes Ziel war der Habima Square, in der Hoffnung, dass wir dort endlich etwas zu Futtern bekommen würden. Hier übrigens mal die israelische Sammelvariante zum Recyceln von PET-Flaschen. Es funktioniert also auch ganz ohne Pfand.

Direkt am Habima Platz machte ich ein Selbstbedienungsrestaurant ausfindig. Mika reservierte draußen unseren Tisch und ich gesellte mich in die Schlange am Tresen. Halleluja, was für gepfefferte Preise! Aber was soll’s, wir hatten sooo einen Hunger!

Am Habima Platz beginnt die berühmteste Prachtstraße der Stadt: der Rothschild Boulevard. Er wurde nach dem jüdischen Bankhaus aus Frankfurt am Main mit Banken in ganz Europa benannt. Der Rothschild Boulevard ist heute eine der besten Adressen in Israel. Bauhaus-Architektur und Hochhäuser säumen die Allee. Auf dem Grünstreifen in der Mitte des Boulevards gibt es kleinere Spielplätze, Sportgeräte, Wiesen, Bänke, Kioske und Cafés. Auf dem Radweg flitzen Elektroroller und -fahrräder vorbei, für Fußgänger steht die andere Seite zur Verfügung. Selbst in die Pedale zu treten kommt den Israelis nicht in den Sinn, dafür ist es wohl meistens auch einfach zu heiß.

Fun Fact: Die Miete für eine durchschnittliche 3-Raum-Wohnung in einem Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv soll 4000 Dollar pro Monat kosten. Ob das auch für den Rothschild Boulevard zutrifft? Ich wage es zu bezweifeln.

Je südlicher und je näher man dem Meer kommt, desto höher und glasiger werden die Gebäude. Zentrum des Boulevards ist die Stelle, an der er die Allenby Street kreuzt. Und hier an der Ecke ist auch das Café Benedict, in dem wir morgen früh zusammen mit Elke, einer Freundin aus Berlin, frühstücken wollen. Wir reservierten einen Tisch für 9:30 Uhr und steuerten dann über die Allenby unseren Heimweg an.

Wir kamen auch an der Großen Synagoge von Tel Aviv vorbei. Ein merkwürdiger und meiner Meinung nach nicht besonders schöner Bau. Das kleinere ockerfarbene Gebäude ist das Allenby Theater.

Hier noch ein wunderschönes Beispiel dafür, warum mir die Architektur in Tel Aviv so gut gefällt.

Den Rest des Tages verbrachten wir auf dem Zimmer, da wir nach dem heutigen 10 km Fußmarsch ziemlich knülle waren. Zum Abendbrot gab es dann unsere 5-Minuten-Terrinen.

 

4 Kommentare zu „Tel Aviv: Sabbat, Streetart und Bauhaus

  1. Der Shabbat verströmt in der Stadt in der Tat eine ganz eigene Atmosphäre. Am Strand und am Hafen hingegen ging da voll die Post ab 😅! Es ist sehr interessant für mich zu sehen, wie die Gegend um den Carmel Market in leer aussieht. Komplett andere Nummer! Und wenn man so einen bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitsdienst dabei hat, gibt es auch keinen Grund, sich zu fürchten. Ja, die Graffitis dort in der Ecke waren schon klasse. Da habt ihr eine gute Auswahl getroffen! Stimmt, in Tel Aviv sieht man wirklich häufig die skurrilsten Skulpturen auf den Balkons. Genau mein Ding 👍. @Dizengoff Square: wenn ich die Fotos sehe, kriege ich gerade krass Sehnsucht nach Tel Aviv ❤️. Ich habe mich in der Ecke dort so wohl gefühlt. @König Mika I: sehr stylish! @Mieten: ja, Tel Aviv ist irre teuer. Und Mietverträge werden wohl in der Regel nur für jeweils ein Jahr geschlossen. Ständig umziehen gehört dann wohl zwangsläufig zu den Hobbies der Bewohner … Auf dem grünen Stuhl, der auf dem Rothschild Boulevard steht, habe ich mich übrigens auch niedergelassen 😅.

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  2. Safari auf dem Balkon….super, kenne das Haus als Ruine. Das Facelifting hat dem Dizengoffplatz gutgetan, 2012 war der Brunnen erhöht, die Häuser kamen nicht zur Geltung. Der Brunnen hat mir im originalen Bauhausstil, vor Allem nachts sehr viel besser gefallen, der sieht spuckig aus.

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