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St. Petersburg – Bahnhöfe vs. Palast

Tag 5: Der heutige Tag steht im Zeichen der St. Petersburger Metro. Natürlich nicht nur, denn am Nachmittag erwartet Vanessa und mich noch ein ganz besonderes Highlight. Aber dazu später mehr. Die Metro von St. Petersburg gehört zu den tiefsten der Welt, da sie unter anderem gegen Atomangriffe geschützt sein sollte. Aber auch der sumpfige Untergrund der Stadt bereitete den Konstrukteuren erhebliche Probleme. Die erste Linie war nur knapp 11 km lang und ihr Bau begann bereits 1941. 14 Jahre später konnte sie mit 8 Stationen eröffnet werden. Heute umfasst das Metro-Netz fünf Linien mit insgesamt 67 Stationen. Begonnen habe ich mit einem Spaziergang zur Metro-Station Admiraltejskaja – logischerweise bei der Admiralität gelegen.

Schon die überirdische Eingangshalle überrascht mit einem riesigen mottogetreuen Mosaik. Von dort aus ging es für mich wieder tief hinab. Aber auch unten ist das Thema dieser Station überall deutlich erkennbar. Sie ist relativ neu, erst 2011 eröffnet, und ist mit 86 m unter der Erde eine der tiefsten Stationen der Welt.

Ich fuhr mit der Linie 5 (lila Route) bis zur Station Zvenigorodskaja, wo ich in die Linie 1 umsteigen konnte. Auf dieser, der roten und ältesten Linie, soll es nämlich die schönsten Bahnhöfe geben. Zvenigorodskaja war im Vergleich relativ schlicht, hatte aber auch ein schönes Mosaik am Ende der schicken Halle zu bieten.

Ich fuhr zunächst noch eine Station auf der Linie 5 weiter und habe mir die Haltestelle Obvodnyi Kanal angeschaut. Es ist eine der neuesten und modernsten Stationen, da sie erst 2010 eröffnet wurde und zwischen zwei bestehende Haltestellen gesetzt wurde. Die Länge der Fahrten zwischen zwei Stationen ist in St. Petersburg nicht mit den deutschen U-Bahnen zu vergleichen. Man fährt sehr viel länger. Das Highlight dieser Station sind die historischen Abbildungen auf den Bahnsteigen, die das alte St. Petersburg zeigen.

Dann fuhr ich die eine Station zurück und lief durch diverse Tunnel zur gegenüberliegenden Station Pushkinskaya. Wie der Name schon sagt, ist diese Station dem Dichter Alexander Puschkin gewidmet. Sie wurde 1956 eröffnet und befindet sich 57 m unter der Erdoberfläche. Das Interieur hat einen romantischen Touch. Sehr hübsch!

Die Station Kirovskiy Zavod liegt 50 m unter der Erde und wurde auch 1955 eröffnet. Sie besteht aus wundervollen Marmorsäulen. Die darüber befindlichen Metallabbildungen erzählen von der Sowjetzeit. Am Ende der Station befindet sich eine Lenin-Statue.

Die wohl schönste, fast schon märchenhaft aussehende, Metro-Station Avtovo hat nur eine Tiefe von 12 Metern und gilt als eine der 12 schönsten der Welt. Sie wurde ebenfalls 1955 eröffnet. Allein die Decke mit den herrlichen Kronleuchtern ist ein echter Hingucker. Aber die reich verzierten Säulen und insbesondere die Glassäulen im Zentrum sind wahre Meisterleistungen.

Das sich am Ende der Station befindliche Mosaik erinnert an die vierjährige Leningrader Blockade während des zweiten Weltkriegs.

Die Station Narvskaya wurde 1955 eröffnet und ist 52 m tief. Die massiven Marmorsäulen sind mit Metallkunstwerken verziert und in jede Säule sind Statuen eingebettet, die von den Menschen und Soldaten während der Kriegszeit erzählen.

Die nächste Station war die Baltiyskaya, ebenfalls 1955 eröffnet. Sie befindet sich 57 m unter der Erde. Auch diese Station hat sehr schön geformte Säulen, die das Meer und die Wasserbewegung symbolisieren sollen. An ihrem Ende befindet sich ein schönes Mosaik über das Baltikum.

An der Pushkinskaya Station verließ ich das Metro-Reich für eine Weile und schaute mir den Witebsker Bahnhof an, den ältesten Bahnhof Russlands. Dieser 1904 errichtete Bahnhof ist innen wie außen ein architektonisches Meisterwerk des Jugendstils. Ich betrat dieses Juwel durch den Eingang in der Mitte, wo eine Taschenkontrolle auf mich wartete.

In der detailreichen Eingangshalle platzte ich gerade in ein Shooting, wo sich herzzerreißende Liebesszenen zwischen einem vermeintlichen Sowjetsoldaten und seiner Liebsten abspielten. Es erschien mir fast wie eine Filmkulisse von Doktor Schiwago.

Die Gleise dieses Kopfbahnhofs befinden sich übrigens im Obergeschoss, da die Züge sonst nicht den in 600 m Entfernung befindlichen Obvodnyi Kanal hätten passieren können. Vor über 100 Jahren brachten Aufzüge das Gepäck der Reisenden nach oben, heute müssen sie es über die Treppen selbst schleppen. Merkwürdiger Fortschritt.

Leider konnte ich mir nicht die gusseiserne nostalgische Bahnsteighalle anschauen, da der Zutritt nur mit Fahrkarte möglich ist. Heute werden nur noch etwas mehr als 10 Züge pro Tag in Richtung Ukraine und Weißrussland abgefertigt. Wer von euch mal die Gelegenheit bekommt, den Bahnhof anzusehen, sollte auch mal nach dem 1902 errichteten Pavillon 200 m rechts vom Bahnhof schauen. Er diente als exklusiver Bahnhof für den Privatzug von Zar Nikolaus II. – ich habe den Tipp leider zu spät gelesen.

Ich verließ diesen wunderschönen Bahnhof und begab mich wieder unter die Erde. Hier seht ihr nochmal die schöne Station Zvenigorodskaja mit ihren grünen Marmortoren, die erst den Zutritt zur Bahn freigeben, wenn diese eingefahren ist. Ich erwähnte es in einem der vorigen Berichte: dieses sichere System sollte auch bei uns Einzug halten.

Ich stieg am Sennaya Ploschad‘ aus, einem riesigen lebhaften Platz, der von meinem Hotel nur ein paar Gehminuten entfernt ist. Nach insgesamt zwei Stunden auf drei Linien mit acht Stationen war ich nun etwas knülle. Es war 11:30 Uhr und so hatte ich noch etwas Zeit, bevor ich mich kurz vor 14 Uhr mit Vanessa in der Lobby treffen wollte. Wir hatten bei Get your Guide eine Tour zum Katharinenpalast gebucht und sollten vom Hotel abgeholt werden. Wir warteten knapp 20 Minuten, bevor Vanessa einen Anruf erhielt. Ohne russische SIM-Karte ist telefonieren sehr teuer, weshalb sie das Hotel bat, die Nummer zurückzurufen. Das Ende vom Lied war, dass man uns schlichtweg vergessen hatte abzuholen. Angeblich dachte man, dass wir selbst zum Palast kommen würden. Naja. Wir waren maximal bedient! Es gab ja keine Ausweichmöglichkeit, da ich morgen bereits abreisen würde. Nach einigem Hin und Her erhielten wir schließlich nochmal einen Rückruf, dass man uns einen Guide und den Transport für 16 Uhr organisieren würde. Okay, mit einer Privatführung als Ersatz konnten wir leben. Wir gingen zu dem italienischen Restaurant Testo an der Ecke unserer Straße und aßen nach dem Stress erstmal gemütlich zu Mittag. Das Essen war sehr lecker und die Location urig und gemütlich. Um 16 Uhr waren wir wieder pünktlich im Hotel. Zehn Minuten später tauchte dann auch unser Guide auf. Ich habe seinen Namen vergessen, aber er war auch nicht so toll, dass wir ihn weiterempfehlen würden. Er organisierte uns ein Taxi und halb fünf waren wir dann endlich auf dem Weg zum knapp 30 km entfernten Puschkin, wo sich der Katharinenpalast befindet und wo der berühmte Dichter zur Schule gegangen ist.

Mein Reiseführer vergleicht Puschkin mit Potsdam, zumal im Katharinenpalast mit dem rekonstruierten Bernsteinzimmer ein ursprünglich aus Berlin stammendes Weltwunder die Besucher anzieht. Der auch Zarendorf (Zarskoje Selo) genannte Museumskomplex ist ein Monarchensitz wie aus einem Märchenbuch und ich nehme euch auf den folgenden Bildern mit auf diese märchenhafte Reise. Beginnen wir mit dem Eingang, der zu dieser späten Stunde gähnend leer war.

Schon beim Eintritt auf das Gelände wird klar, dass uns viel Glanz und Gloria erwarten wird. Der nach der Zarin Elisabeth I. – der Frau von Peter dem Großen und nach dessen Tod der ersten Frau auf dem Zarenthron – benannte 308 m lange Palast wurde 1756 vollendet. Natürlich war der Architekt des blau-weiß-goldenen Barockgebäudes niemand anderer als Bartolomeo Rastrelli.

Der Eintritt über den Paradehof ist nur Reisegruppen gestattet (offenbar zählten wir drei auch dazu). Individualbesucher stehen auf der anderen Parkseite Schlange. Wir haben sie später gesehen und sie waren tatsächlich immer noch sehr lang! Unser Guide war relativ emotionslos, aber im Vorbeischlängeln an großen Gruppen ein kleiner Meister. So passierten wir die marmorne Eingangshalle im verschnörkelten Rokoko-Dekor relativ zügig und standen in wenigen Minuten vor dem 860 qm Großen Saal.

Der links der Marmortreppe befindliche Große Saal soll durch die zahllosen Fenster und Spiegel noch um einiges größer wirken, als er tatsächlich ist, aber leider war er auch unglaublich voll, sodass wir uns nicht lange darin aufhielten.

Am Ende des Saals befinden sich drei prächtige Vorzimmer, über die die Gäste einst den Festsaal betraten. Gold und weiß beherrschen die Räumlichkeiten. Für meinen Geschmack zu viel des Guten. Allerdings kamen die blauen Marmorkamine dadurch sehr gut zur Geltung.

Wir kehrten um und steuerten nun die der Treppe rechts gelegene Palastseite an: die Goldene Enfilade. 22 prachtvoll ausgestattete Räume erwarteten uns hier. Der sechste Raum stellt das Highlight des Palastes dar: das aufwendig rekonstruierte Bernsteinzimmer!

500.000 passgenau aneinander geklebte Bernsteinplättchen beeindrucken hier die Besucher. Die Vielfalt und Kunstfertigkeit der Ornamente und filigranen Gravuren ist überwältigend. Ich war überrascht, wie unterschiedlich farbintensiv und vor allem auch groß viele dieser Bernsteine waren. Original sind in diesem Raum nur noch eine Kommode und ein florentinisches Mosaik. Beides war Ende der 90er Jahre auf einem Kunstmarkt in Deutschland aufgetaucht. Der Rest wurde aufwendig anhand von Fotografien rekonstruiert und 2003 fertiggestellt. Leider war fotografieren strikt verboten. Das folgende Foto habe ich vom Ende des Nachbarzimmers geschossen.

Mit dem folgenden Bildersaal enden die barocken Räume und werden von klassizistisch eingerichteten abgelöst. Am Ende der Enfilade befindet sich die ehemalige Palastkirche, die mit sage und schreibe 100 kg Gold überzogen wurde. Sie ist bis heute unrenoviert und daher nicht zugänglich. Aber die fünf goldenen Kuppeln, die die einstige Kostbarkeit dieser Kirche erahnen lassen, seht ihr weiter unten.

Danach steuerten wir die riesige Parkanlage an. Ich muss gestehen, dass ich unserem Guide ab hier nicht mehr wirklich zugehört habe, da ich auf Grund meiner Fotografier-Leidenschaft immer hinterherhing und er scheinbar keine Lust darauf hatte, die Tourdauer dadurch zu verzögern, in dem er auf mich wartete. Aber das war ok für mich. Hier daher nun teilweise unkommentierte Bilder von dem wunderschönen Park.

Von der Cameron Galerie mit den zahlreichen Statuen und Skulpturen hat man einen wunderbaren Blick über die gesamte Parkanlage. Sie grenzt die alten barocken Gärten von den neueren englischen Landschaftsgärten ab.

Der Lieblingsarchitekt von Katharina der Großen, Charles Cameron, gestaltete für die Kaiserin nicht nur die Cameron Galerie im klassizistischen Stil, sondern auch dieses Tages-Apartment mit Dachgarten, das sich über den sogenannten Kalten Bädern befindet. Die hierin befindlichen Achatzimmer wurden unter Einsatz von 25 Tonnen Schmucksteinen gestaltet.

Hier seht ihr die versprochenen fünf goldenen Kuppeln der ehemaligen Palastkirche.

Hier seht ihr das 1850 erbaute Türkische Bad. Der Pavillon in der Optik einer Moschee ist auch im Innern im orientalischen Stil gehalten. Die Çesme Säule wurde zu Ehren eines russischen Sieges über die Türkei um 1770 aufgestellt. Deshalb zerpflückt auf ihrer Spitze ein russischer Adler einen türkischen Halbmond.

Das traurige Milchmädchen von 1816 ist zur Symbolfigur des Parks geworden. Das Wasser rinnt aus einem zerbrochenen Krug. Zwei Abgüsse dieses Originals befinden sich heute im Schloss Britz und im Schloss Glienicke in Berlin.

Ebenfalls ein unverkennbares Werk des kaiserlichen Hofbaumeisters Rastrelli: die Grotte am See, um 1750 erbaut.

Die Eremitage war ein kleines im typischen Rastrelli-Design errichtetes Lustschlösschen, wo die feinen Herrschaften im Obergeschoss auch vor den Blicken der Bediensteten sicher waren. Für diesen Umstand sorgten Aufzüge für die Gedecke, die in die Tische eingebaut waren. Originell! Hier an diesem kleinen wundervollen Schlösschen endete  schließlich auch unsere Tour. Unser Guide bestellte ein Taxi zum Hintereingang, der sich gleich links der Eremitage befindet, und wir fuhren zurück zum Hotel, wo wir ca. 20 Uhr relativ erschöpft ankamen. Ich verabschiedete mich von Vanessa, da ich morgen abreise und sie noch einen Tag länger bleibt.

Tag 6: Meine Abreise war relativ unspektakulär. Zum späten Frühstück gab es die Reste meiner Käse-Makkaroni vom Vorabend. Danach fuhr ich mit einem Yandex-Taxi für knapp 8 Euro zum Flughafen. Diese App ist echt Gold wert. So unproblematisch und klappt hervorragend. Das Ausreiseprozedere war etwas anders als sonst. Man wird z.B. nur mit einer Papier-Bordkarte zur Sicherheits- und Passkontrolle gelassen. Es befinden sich kleine Drucker und Automaten im Terminal, die man dafür nutzen kann. Sie lesen den Barcode und drucken dein Ticket aus. Muss man nur wissen. Alles andere lief dann problemlos. Ich vertrödelte noch zwei Stunden im Starbucks und im Souvenirladen, bevor es mit einer kleinen lauten Propellermaschine nach Riga ging. Jeder, der weiß, wie gerne ich fliege, kann sich vorstellen, wie es mir auf dem doch recht kurzen Flug ging.

Beim Landeanflug in Riga sahen wir schneeweiße Strände und kleine Inseln von oben. Es sah traumhaft aus. Leider konnte ich nicht fotografieren, da sich ein Typ auf meinen Fensterplatz gedrängelt hatte und ich war zu faul, mich mit ihm zu streiten. In Riga hatte ich zweieinhalb Stunden Aufenthalt, die ich dafür nutzte, Mika ein Mitbringsel zu besorgen und ein leckeres Törtchen zu essen. Um 19 Uhr landete ich pünktlich in Berlin-Tegel.

2 Kommentare zu „St. Petersburg – Bahnhöfe vs. Palast

  1. Mit den U-Bahnhöfen haste mich ja endgültig in der Tasche 😅. Die sind wirklich der Knaller. Was für eine unfassbare Pracht! Der Bahnhof im Jugendstil ist auch eine Augenweide. Mit dem Bombing in Foto und Film hast du es ja, wa 😜? @ Bestellt und nicht abgeholt: krass, dass die euch da einfach vergessen haben. Aber gut, dass sie sich um Ersatz bemüht haben. Auch wenn der Guide wohl nicht der Allerbeste war. Die Gunst der späten Stunde hat euch letztendlich ja auch weniger Masse an Leuten eingebracht; zumindest anfangs am Eingang. Der Katharinenpalast ist von außen ein Traum. Innen ist er für meinen eher puristischen Geschmack ein wenig zu üppig ausgefallen. Das Bernsteinzimmer mit seiner halben Million Plättchen ist allerdings wirklich sensationell. In dem schönen Park hätte ich mich vermutlich auch abgeseilt 😎. @ Starbucks: Bepena gefällt mir 👍!

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