Europa · Russland

St. Petersburg – Schlossplatz & Eremitage

Tag 3: Ich verbummelte den Vormittag damit, endlich mal richtig lange auszuschlafen und einfach nur rumzugammeln. Helsinki steckte mir noch in den Knochen – ich werde eben auch nicht jünger. Gegen Mittag zog ich dann so langsam los in Richtung Schlossplatz, wo ich um 13:45 Uhr mit Vanessa verabredet war. Nur einige Meter vom Hotel entfernt befindet sich nicht nur die 99 m breite blaue Brücke nahe der Isaak Kathedrale, und damit die breiteste Brücke der Stadt, sondern in der anderen Richtung auch die rote Brücke. St. Petersburg hat, rechnet man die Parks und Vororte hinzu, aktuell mehr als 800 Brücken. Peter den Großen würde das wohl eher nicht gefallen. Er wollte immer, dass die Stadt eine Seehauptstadt ist und sah Brücken nur als lästiges Behelfsmittel für den unvermeidbaren Landverkehr an. Alle Bürger waren aufgefordert, die Wasserwege zu nutzen und dafür gab es zahlreiche öffentliche Boote und Fähren. Sogar venezianische Gondeln fuhren zu Beginn des 18. Jahrhunderts entlang der Flüsse und Kanäle der Stadt. Aber zurück zur roten Brücke. Anfangs gab es vier Brücken gleichen Typs über die Mojka, die sich nah beieinander befanden. Dies verwirrte die Stadtbewohner so sehr, dass sie das Problem farblich und namentlich lösten: gelb, grün, rot und blau. Von den drei ähnlich gusseisernen Brücken hat bis heute nur die rote ihr historisches Erscheinungsbild bewahrt. Das daneben liegende französische Kaufhaus im Jugendstil bietet den passenden Rahmen für das Motiv.

Na, wer kann’s lesen? Kulinarisch nicht wirklich wertvoll, aber lustig aussehen tut das Wort in kyrillisch dennoch. Als es plötzlich begann, wie aus Eimern zu schütten, rettete ich mich unter das Vordach eines Restaurants, dass mich in etwa 3,5 h wiedersehen würde. Das wusste ich da natürlich noch nicht und zog alsbald weiter. Kurz bevor ich den Schlossplatz erreichte, wurde ich allerdings jäh gestoppt. Ein Harley Davidson – Treffen in der Stadt sorgte dafür, dass ich geschlagene 20 Minuten nicht über die Straße kam. In der teils interessierten, jubelnden oder genervten Menge traf ich dann auch schon auf Vanessa. Die Zeit wurde knapp und wir nutzten todesmutig eine kleine Lücke zwischen den lautstark knatternden Motorrädern und rannten los.

Mein wunderbarer Baedeker Reiseführer sagt, ich zitiere: „Wer zum ersten Mal zum Schlossplatz geht, sollte vom Nevskij Prospekt über die Bolschaja Morskaja Uliza kommen. Ein mächtiger doppelter Torbogen und ein Knick in der Straße verdecken bis zuletzt den Blick auf den Platz – um ihn dann innerhalb eines Moments seiner ganzen architektonischen Perfektion freizugeben.“ Ich könnte es nicht besser beschreiben. Es ist wahrlich eindrucksvoll, wenn man aus dem Bogen hinaustritt und sich der Blick auf den Platz und auf die pompöse 220 m breite Barockfassade des Winterpalasts öffnet – dem Stammschloss der Romanow-Dynastie.

In der Mitte des Platzes thront die 47,5 m hohe Alexander-Säule wie ein ‚überdimensionales Zepter‘, um den kaiserlichen Herrschaftsanspruch allegorisch zu unterstreichen. Gestaltet von Auguste de Montferrand, dem Erbauer der Isaak Kathedrale. Bestehend aus einem einzigen 600 Tonnen schweren Granit-Monolithen, der 1832 allein durch die Muskelkraft von 2400 Männern innerhalb von nur zwei Stunden aufgestellt wurde. Wahnsinn!

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Punkt 14 Uhr sollten wir uns mit unserem Guide an der Säule treffen. Ich habe den Namen dieser russischen Dame mit den Haaren auf den Zähnen vergessen, aber sie war pünktlich und mit Vanessa und mir gesellten sich noch einige andere deutsche Touristen zur Gruppe. Wir begrüßten uns und bekamen unsere Empfänger in die Ohren. Es begann zu regnen und wir ‚eilten‘ im Schneckentempo zum am Flussufer befindlichen Seiteneingang der Eremitage. Halleluja! Massen von Asiaten standen bereits in langen Schlangen davor und wir reihten uns irgendwo dazwischen ein. So sieht das also aus, wenn man ein Get your Guide – Ticket mit der Option „ohne Schlange stehen“ gebucht hat. Aha! Hunderte Kreuzfahrtschiff-Passagiere hatten scheinbar die gleiche Idee. Wir warteten gefühlt eine Ewigkeit und unsere Führerin tat ihr Bestes, um uns vorbei zu schleusen (inklusive dem bissigen Anranzen von anderen Besuchern, die nur das gleiche wie sie vor hatten). Es war etwas nervig, aber auch ein Schauspiel. Nach insgesamt einer Stunde waren wir dann tatsächlich drin und konnten auch relativ fix unsere nassen Sachen an der Garderobe loswerden. Tipp: Individualbesucher können sich Tickets an mehreren Automaten im Innenhof an der Schlossplatzseite kaufen. Dort war kein Mensch und es gibt einen separaten Eingang nur für Besucher mit Automatentickets. Hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer!

Nach dem Passieren einer Taschenkontrolle und eines Drehkreuzes gelangten wir durch einen Säulengang in das imposante Treppenhaus. Wow, das war schon ein wahrer Augenöffner. Riesengross, viel weiß und gold – einfach märchenhaft schön. Über die majestätische Jordan-Treppe gelangten wir hinauf ins Obergeschoss.

Von hier aus führen mehrere Wege ab. Wir schlugen den zum Feldmarschall-Saal ein, durchquerten ihn und gelangten in den mit roten Samt ausgekleideten kleinen Thron-Saal. Er wurde als Gedenkort für Peter den Großen konzipiert. Sehr beeindruckend fand ich den Holzfußboden, der trotz des schonungslosen Umgangs wie neu aussah.

Weiter ging es in den Wappen-Saal. Auf jedem der massigen Kronleuchter prangt ein güldenes Wappen der russischen Gouvernements. Sie sind durch den goldenen Prunk im ganzen Saal kaum zu erkennen und ohne Guide hätte ich sie nicht bemerkt. Dieser Saal war einst Schauplatz von festlichen Bällen und kaiserlichen Empfängen.

Auf in die Palastkirche! Relativ klein, aber an Prunk kaum zu überbieten. Von Bartolomeo Rastrelli, der auch die Jordan Treppe gestaltete, um 1760 erschaffen, präsentiert sich das barocke Interieur heute noch genauso eindrucksvoll wie damals. Für die Zarin gab es hinten links eine eigene geschlossene Kabine für den Gottesdienst. Der letzte Zar Nikolaus II. heiratete 1894 hier die spätere Zarin Aleksandra Fjodorowna, ehemals Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt.

Durch die Militärische Galerie, die sage und schreibe 332 Gemäldeportraits der russischen Generäle und Feldmarschälle beherbergt, schlenderten wir in den 800 qm großen Thron-Saal, auch Georg-Saal genannt. Dieser Hauptzeremonien-Saal des Russischen Reiches ist mit italienischem Carrara-Marmor ausgekleidet, aber auch hier beeindruckt der vollkommen symmetrische Parkettfußboden noch um einiges mehr. Ein Relief über dem Thron zeigt den Heiligen Georg, den Drachentöter. Der Zaren-Thron selbst wurde 1732 für Anna Iwanowna in London gefertigt.

Durch eine wunderschöne Galerie (seht euch die Decken an!) führte uns der Weg vorbei an allerlei Exponaten aus der Zarenzeit. Sich alles im Detail anzuschauen und durchzulesen ist schier unmöglich.  In mehr als 350 Sälen der insgesamt 1000 Räume der Eremitage sind etwa 65.000 Exponate ausgestellt. Ihr könnt euch vorstellen, wie irgendwann die Augen bluten.

Vom Pavillon-Saal in der Kleinen Eremitage aus kann man im Innenhof die Hängenden Gärten von Katharina II. betrachten. Ein hübscher romantischer Rückzugsort, der den Besuchern aber nur durch eine Fensterscheibe gewährt wird.

Der Pavillon-Saal selbst machte mich wieder sprachlos. Dieser sehr hohe Raum vereint italienische Renaissance mit arabischer Baukunst. Ein wunderschönes Bodenmosaik ziert eine Art maurischen Hof – ein Ort wie aus einem orientalischen Märchen.

Da hier auch die berühmte Pfauen-Uhr aus dem Jahr 1770 steht, war es unglaublich voll. Ich bahnte mir einen Weg zur Uhr und zu einem Monitor, auf der man die Mechanik der Uhr ansehen konnte, die auch heute noch funktionsfähig ist und von Zeit zu Zeit in Gang gesetzt wird. Dann schlägt der Pfau ein Rad, der Hahn kräht und die Eule verdreht den Kopf und blinzelt mit den Augen.

Am Ende des Pavillon-Saals befinden sich mehrere dieser massiven und aufwendig filigran geschnitzten Tische. Aber auch andere Exponate erregten meine Aufmerksamkeit.

Der himmelblaue Theater-Vorraum stellt eine Brücke über dem Winterkanälchen dar und verbindet das Eremitage-Theater, in das man nur im Rahmen von Aufführungen kommt, mit der Großen Eremitage. Durch einen Korridor mit altgriechischen Skulpturen gelangten wir in die ebenso farbenprächtigen wie üppig ausgemalten Raffael-Loggien.

Katharina die Große hatte, nachdem sie einige Stiche der vatikanischen Raffael-Loggien gesehen hatte, den Auftrag gegeben, beim Bau der Eremitage diese in voller Größe nachbauen zu lassen. Die Originale im Vatikan sind für Besucher nicht zugänglich. Das hat sie wirklich gut gemacht. Es gab kaum einen schöneren Gang in der Eremitage! Einfach nur wow!

Die Loggien leiten in die 70 Jahre jüngere Neue Eremitage über. Der Mittelteil des Baus im Stil der Neorenaissance beherbergt drei hohe Säle für Monumentalwerke mit indirekter Beleuchtung durch Oberlichter. Hier der Saal der italienischen Majoliken (Raffael-Saal) mit wohl einer der prächtigsten Decken der Eremitage.

Der große Oberlicht-Saal der italienischen Malerei beherbergt in seiner Mitte einzigartige mächtige Malachit-Vasen und -Tischplatten, die von russischen Meistern angefertigt wurden.

In der von Leo von Klenze entworfenen Galerie der Geschichte der Malerei des Altertums befinden sich Werke der größten meist neoklassizistischen Bildhauer aus dem 19. Jahrhunderts. Eine ebenfalls wunderschöne Galerie!

Zar Nikolaus I. war ein leidenschaftlicher Sammler von antiquarischen Waffen und Rüstungen. So verwundert es nicht, dass hier im Rittersaal auch Pferde und Ritter in voller Rüstungsmontur zu finden sind.

Zu den größten Attraktionen gehört der Rembrandt-Saal (grüne Wände, die beiden Bilder unten links), in dem sich mehr als 20 Bilder des niederländischen Künstlers befinden. In den angrenzenden Sälen kann man u.a. noch 40 Werke von Peter Paul Rubens oder 40 Gemälde von van Dyck bestaunen. Es gibt auch noch einen Da Vinci – Saal mit zwei Madonnen des großen Meisters. Normalerweise hätten mich diese Säle sehr interessiert, aber nach fast drei Stunden in der Eremitage war der Kopf voll und nicht mehr aufnahmefähig. Ein Grund nochmal wiederzukommen!

An der übergroßen Malachit-Vase vorbei und die Treppen herunter, erreichten wir die gänzlich in Marmor gewandeten Antiken Säle. Durch die Ägyptische Abteilung im Erdgeschoss, wo man eine kastrierte Mumie begutachten darf, gelangten wir schließlich zur Garderobe und zum Ausgang.

Das Wetter hatte sich in den letzten drei Stunden nicht sehr verändert, aber wenigstens regnete es nicht mehr. Wir hatten großen Durst und auch Hunger, weshalb wir in der Bolschaja Morskaja Uliza den netten Italiener von heute Mittag aufsuchten und erstmal gemütlich und gut speisten. Diese ganzen Eindrücke wollten erstmal verarbeitet werden, weshalb wir danach zurück ins Hotel gingen und den Rest des Abends auf unseren Zimmern entspannten.

3 Kommentare zu „St. Petersburg – Schlossplatz & Eremitage

    1. Jetzt musste ich erstmal googeln.😅 Ach nein, der sieht doch toll aus! Schön, dass ich deine Erinnerungen etwas auffrischen kann. Irgendwann muss ich da echt nochmal hin und mir den Rest anschauen. Es soll ja bald kein Visum mehr für St. Petersburg geben. Das macht’s einfacher.

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  1. @ nicht jünger werden: komm erst mal in mein Alter, du junger Hüpfer 😂! Ich mag ja die Brücken. Das unterscheidet mich schon mal vom großen Peter. @ Harley Davidson: das ist ja meist eine ganz spezielle Klientel, die diese Kisten fährt. Bin in Hamburg mal in eine „Demo“ von denen geraten. Ein Typ hatte ein rotes Damenhöschen auf den Sattel gespannt. Durchsichtig und mit Spitze natürlich 😅. @ Schlossplatz: der ist ja wahnsinnig beeindruckend! @ Eremitage und schneller Zugang: danke für den wertvollen Tipp! Das Innere hat ja fast das Potential, den Besucher optisch zu erschlagen. Etwas weniger Prunk hätte es sicher auch getan. Die Decken und Böden sind aber in der Tat wirklich beeindruckend. Der Pavillon-Saal mit seinem arabischen Einschlag gefällt mir auch sehr gut. Mir wäre es letztendlich wie dir gegangen: nach drei Stunden ist der Schädel vollends ausgelastet.

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