Rumänien stand schon lange auf meiner Reiseliste, weil sich hier das sagenumwobene Transsilvanien mit seinen märchenhaften, aber auch schaurigen, Burgen und Schlössern befindet. Transsilvanien oder auch Siebenbürgen hat eine krasse Geschichte hinter sich, die durch ein jahrhundertelanges, friedliches Zusammenleben verschiedener Völker geprägt ist. Im 12. Jhd. rief der ungarische König deutsche Siedler in das dünn besiedelte Gebiet im Osten seines Reiches. Diese Einwanderer wurden als Siebenbürger Sachsen bekannt. Sie bauten befestigte Städte, trieben Handel und genossen große politische Freiheiten. Als das Königreich Ungarn im 16. Jhd. durch das Osmanische Reich zerschlagen wurde, entwickelte sich Siebenbürgen zu einem weitgehend unabhängigen Fürstentum. In dieser Zeit lebten dort Ungarn, Szekler, Siebenbürger Sachsen und Rumänen weitgehend gleichberechtigt zusammen. Ab dem späten 17. Jhd. gehörte die Region zur österreichischen Monarchie und später direkt zu Ungarn, was die Vorherrschaft des ungarischen Adels stärkte. Nach dem Ersten Weltkrieg (1918/1920) wurde Siebenbürgen dem Königreich Rumänien zugesprochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und während der kommunistischen Diktatur unter Ceaușescu wanderten die meisten Siebenbürger Sachsen nach und nach nach Deutschland aus. Heute gehört die Region fest zu Rumänien, ist touristisch für ihre Geschichte bekannt und erinnert mit zahlreichen gut erhaltenen Städten (wie Hermannstadt/Sibiu und Kronstadt/Brașov) an das multikulturelle Erbe Mitteleuropas.



Die Geschichte der Roma in Siebenbürgen und Rumänien unterscheidet sich hingegen grundlegend von der der deutschen oder ungarischen Siedler. Sie ist über Jahrhunderte hinweg von schwerer Ausbeutung, Ausgrenzung und Diskriminierung geprägt. Die Vorfahren der Roma wanderten über Jahrhunderte hinweg aus Indien nach Europa ein. Erste Dokumente erwähnen ihre Ankunft in Siebenbürgen (z. B. in Kronstadt/Brașov) um das Jahr 1416. Sie arbeiteten oft in Berufen, die sehr geschätzt, aber von den ansässigen Bauern selten ausgeübt wurden – etwa als hochtalentierte Schmiede, Handwerker, Musiker oder Goldwäscher. Während sie in Siebenbürgen als rechtlose Wanderarbeiter lebten, wurden sie in den rumänischen Nachbarregionen über 450 Jahre lang als Sklaven gehalten (bis 1856). Das rumänische Regime deportierte zehntausende Roma, viele starben durch Hunger und Gewalt. Die Roma sind heute eine der größten Minderheiten Rumäniens. Viele kämpfen bis heute mit den Folgen von Armut und Vorurteilen, während andere ihre Traditionen erfolgreich bewahren. Dazu zählt insbesondere die besondere Bauweise ihrer Häuser (s.o. rechtes Bild). Die Häuser zeichnen sich durch riesige, silbern glänzende Zinn- oder Blechdächer aus, die mit unzähligen Türmchen, Erkern und Schichtungen verziert sind. Die Fassaden besitzen oft monumentale Treppenaufgänge, Säulen, Marmor und verschnörkelte Balkone. Diese Paläste dienen in erster Linie dem Prestige der Großfamilie nach außen. Wir sind durch einen dieser Orte durchgefahren – Huedin – indem es noch viele dieser sogenannten „Zigeunerpaläste“ gibt.



Nach ca. 4,5 Std. Autofahrt checkten wir am Nachmittag im zentral gelegenen Hotel Transsilvania in Alba Lulia aka Karlsburg ein. Hier bleiben wir für drei Tage. Das Hotel hat einen eigenen Parkplatz hinterm Haus und hat eine schöne Lobby sowie nette saubere Zimmer für 65,-€ pro Nacht. Frühstück kostet extra (9,-€). Leider funktionierte unsere Klimaanlage nicht und es war sehr warm im Zimmer. Selbst als es draußen kühler wurde, kühlte es nicht ab. Das schmälerte ein wenig unsere Schlafqualität. Aber insgesamt ist das Hotel für den Preis durchaus zu empfehlen.



Wir ruhten wie immer kurz aus und zogen dann nochmal ein wenig um die Häuser. Es fing an zu regnen – es sollte der einzige Regenschauer in unserem gesamten Urlaub bleiben. Wir schauten uns die wenig spektakuläre Shopping-Mall an und versuchten den Eingang zur Festung zu finden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schafften wir das auch, entschieden aber, dass es heute definitiv zu spät dafür sei. Außerdem hatten wir Hunger. Wir bevorzugten das Hotel-Restaurant mit seiner netten Außenterrasse und ließen den Abend bei einen leckeren Essen entspannt ausklingen.






Am nächsten Morgen frühstückten wir gegen 9 Uhr ganz gemütlich und verbrachten den Vormittag auf dem Zimmer, da die Sonne erst gegen 14 Uhr rauskommen sollte. Ich legte mir eine Gesichtsmaske auf und Ben arbeitete an seiner DnD-Map.


Gegen halb zwei fuhren wir los nach Hunedoara, stets die Karpaten um uns herum. Das änderte sich auch nicht in den nächsten 10 Tagen. Egal wo wir waren umzingelte uns die wunderschöne Bergkette. Heute war es allerdings bewölkt und eigentlich war auch Regen vorausgesagt.


In Hunedoara, auch bekannt als Eisenmarkt, angekommen, empfingen uns schon von weitem die Türme des Corvin Castles. Die Burg von Hunedoara ist eine der spektakulärsten und größten gotischen Festungsanlagen Europas. Sie liegt auf einem markanten Kalkfelsen und gilt als eines der wichtigsten Architekturdenkmäler Siebenbürgens.

Vor dem Schloss gab es noch eine Folter-Ausstellung, die wir aber im wahrsten Sinne des Wortes links liegen ließen. Wir lösten die Tickets (23,80€ p.P.) und passierten das nicht funktionierende Drehkreuz an der Seite daneben.


Johann Hunyadi ließ die majestätische Anlage ab 1440 auf den Fundamenten einer älteren Wehranlage als imposante Stammburg errichten. Unter seinem Sohn, dem ungarischen König Matthias Corvinus, wurde die Burg ab 1458 im Renaissance-Stil prachtvoll ausgebaut. Nach Umbauten im 17. Jahrhundert durch Fürst Gábor Bethlen und späteren Restaurierungen zeigt das Bauwerk heute eine faszinierende Mischung aus Gotik, Renaissance und Barock. Der Einlass erfolgt über eine hölzerne Brücke, die von riesigen Steinsäulen getragen wird und über eine tiefe Schlucht des Flusses Zlaști führt. Gerüchten zufolge war der berüchtigte Fürst Vlad Tepes (die historische Vorlage für Dracula) hier zeitweise im Kerker gefangen. Historisch belegt ist das nicht. Eine weitere Legende besagt, dass drei türkische Gefangene den tiefen Brunnen im Burghof über 15 Jahre lang in den Fels gruben, weil ihnen im Gegenzug die Freiheit versprochen wurde. Wegen ihrer düsteren, authentischen Atmosphäre dient die Anlage regelmäßig als Kulisse für internationale Kinofilme, Horrorstreifen und Dokumentationen.






Wir waren zunächst allein im Burghof. Es waren einige Handwerker bei Restaurierungsarbeiten, was uns zunächst verwirrte. Durch die Bauarbeiten waren einige Türen geschlossen und da es auch kaum Beschilderungen gab, wusste man nie so recht, ob der Raum zur Tour zählt oder nicht. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich mich von einer geschlossenen Tür aufhalten ließe. Manchmal zum Leidwesen meiner Reisebegleitung. 🙂 Aber dadurch habe ich auch schon einige interessante Sachen erfahren, die mir sonst verborgen geblieben wären. Wir besichtigten zunächst die schlichte Küche links vom Eingang und dann die Schlosskapelle – ein sakraler Raum mit einer Mischung aus gotischen Stilelementen und späten orthodoxen Einflüssen. Die Andacht wurde leicht vom Baulärm gestört, aber was sein muss, muss sein.
Die Innenausstattung der Burg ist heute eher schlicht und spärlich möbliert, da verheerende Brände im 19. Jhd. fast das gesamte originale Holzinterieur zerstörten. Dennoch beeindruckt das Innere durch seine monumentale, gotische Steinarchitektur und wechselnde Ausstellungen.




Wir arbeiteten uns nach oben vor und genossen wunderschöne Aussichten auf die Gegend. Hier ist links im Bild ein Hotel zu sehen, vor dem wir kostenlos parken konnten (der blaue ist meiner). Mittig befindet sich das Foltermuseum und rechts davon sind Stände, die Imbisse, Snacks und Souvenirs verkaufen. Rechts geht es dann ins Dorf hinunter.










Der Rittersaal ist ein riesiger, zweischiffiger Saal mit prächtigen gotischen Kreuzrippengewölben und steinernen Säulen, der für Feste genutzt wurde. Es waren Waffen und Rüstungen ausgestellt. Flankiert wurde es von einem langen Bogengang, von dem wir tolle Aussichten auf die Umgebung hatten. Hier rief mich auch Mika per Videoanruf an und ich konnte ihm ein bisschen an der Aussicht teilhaben lassen.





Wir überquerten eine winzige Holzbrücke, die sich allerdings in schwindelerregender Höhe befindet, und gelangten zum äußersten Turm. Nur Ben war ganz oben, aber er meinte, dass er im Gegensatz zum anderen Turm vorne über dem Haupteingang eher unspektakulär war. Wie liefen den langen Gang zurück zum Hauptteil und besichtigten den Weißen Turm aus dem 17. Jhd.. Er ist eine der wichtigsten Verteidigungsanlagen der Burg und unterscheidet sich im Stil deutlich von den älteren, spitz zulaufenden gotischen Türmen. Er ist halbrund gebaut und besaß ursprünglich drei und nach späteren Umbauten vier Verteidigungsebenen, die auf schweren Holzplattformen ruhten. Er diente als mächtige Artilleriestellung. Die Größe seiner Schießscharten zeigt, dass dort schwere Kanonen platziert waren, um Angreifer aus der Stadtrichtung abzuwehren. Gleichzeitig wurden Teile des Turms zeitweise als Lager für Vorräte genutzt. Nach über 150 Jahren Sperrung wurde der Turm im Zuge von Restaurierungen wieder für Touristen geöffnet. Im Inneren kann man über eine Wendeltreppe bis zur obersten Ebene aufsteigen.



Wieder im Burghof besuchten wir noch die Kapitänsräume. Diese dienten im Mittelalter und der frühen Neuzeit als Aufenthalts- und Versammlungsort für die militärischen Befehlshaber und die Burgwache, die für die Verteidigung der Festung verantwortlich waren.





Darüber befindet sich der Diätensaal, der eine impressionistische Ausstellung einheimischer Künstler zeigte. Wir drehten eine kurze Runde und beendeten dann unsere Besichtigungstour.





Beim Ausgang waren rechts und links im Turm schwere Holztüren. Zur linken besagt eine Erzählung, dass der berüchtigte Fürst Vlad Țepeș (Vlad der Pfähler) – das historische Vorbild für Dracula – hier im 15. Jhd. vom ungarischen König Matthias Corvinus mehrere Jahre gefangen gehalten wurde. Historiker vermuten heute allerdings eher, dass Vlad an einem komfortableren Ort in Ungarn (wie Visegrád) unter Hausarrest stand. Dennoch zieht diese Zelle jährlich tausende Gruselfans an. Rechter Hand befindet sich die Folterkammer. Heute ist dort eine Ausstellung mit nachgestellten Szenen, historischen Daumenschrauben, Streckbänken und anderen mittelalterlichen Folterwerkzeugen zu sehen.



Natürlich wird an den Ständen vor der Burg mit dem Mythos Dracula geworben. Wir kauften unsere Magneten von Vlad dem Pfähler allerdings hier nicht. Wir kommen noch an einen Ort, der wesentlich besser dafür geeignet ist. Ihr dürft gespannt sein.




Ich holte mir bei einer netten Omi einen superfrischen leckeren Burger für umgerechnet 4,50€ und wir genossen noch einige Minuten den Blick auf die Burg von einer der vielen Bänke aus. Wir freuten uns über unser Glück, denn nach uns wurde es wesentlich voller in der Burg. Wir teilten sie uns gerade mal mit zwei kleineren Männergruppen und einem weiteren Paar. Im Übrigen habe ich den Burger mit der Kreditkarte bezahlt. Selbst bei den kleinsten unscheinbaren Ständen und Minibeträgen ist Kartenzahlung in Rumänien total unproblematisch und überall möglich. Auch in Ungarn, der Slowakei und Polen war das nie ein Problem. Diese „No card, only cash“-Schilder scheint es wohl nur im altertümlichen Deutschland zu geben.
Circa 20 km weiter befindet sich noch die Diemricher Burg, zu der man theoretisch mit einem Zahnrad-Lift hinauffahren kann. Laut Google-Rezensionen ist der wohl aber in 8 von 10 Fällen kaputt. So auch heute. Aber die Burg schließt um 17 Uhr und wir waren 5 Minuten vorher dort. Nichtsdestotrotz sind wir bis Poarta 1 hochgefahren und sind durch den Wald spaziert, in der Hoffnung noch etwas von der Burg zu sehen. Stattdessen wurden wir mit sattem Grün und einer himmelwärts ragenden steilen Treppe belohnt. Wir liefen daher nur bis zur beginnenden Burgmauer, bis zu der wir gerade mal ein Fünftel des Weges zur Burg zurückgelegt hatten, und kehrten dann wieder um. Auf dem Parkplatz hatten wir gut zu tun, einen roten Kater davon abzuhalten, mit ins Auto einzusteigen. Der war aber auch anhänglich (aber auch gut gepflegt, der gehörte jemanden).





Wir fuhren zurück zum Hotel und aßen wieder dort im Restaurant zu Abend. Kürbissuppe mit Ziegenkäse für mich, irgendwas Fleischiges für Ben. 🙂 Am Abend schauten wir dann eine alte schaurige Dracula-Miniserie.

